Das Wiedersehen (6)


Ich schliesse die Tür von innen und lege die Kleidung auf das Bett. Langsam schliesse ich die Augen. Ruhe kehrt ein. Das Adrenalin verflüchtigt sich und die Adern beruhigen sich. Die Kraft lässt nach. Als ich meine Augen wieder öffne, seh ich alles erst mit verschwommenen Blick. Ich war wohl zu lange in der Wolfsgestalt und muss mich erst wieder ans Mensch-sein gewöhnen. Ich ziehe mir die Keidung über und zupfe meine langen, schwarzen Haare aus dem Shirt hinaus. Ich dreh mich um und werf einen Blick in den Spiegel welcher am Kleiderschrank hängt. Vorsichtig mustere ich mich selbst. Ich fühle mich... klein.. schwach.. und vorallem.. nicht wohl in meiner Haut. Irgend etwas hat sich verändert. Ich wende mich ab und kehre ins Wohnzimmer zu Kevin zurück. Als ich unter der Tür steh, wendet er den Blick vom Fernseher ab und blickt mich an.. Was ist denn jetzt kaputt..? Seine Augen weiten sich. Sein Mund steht offen. Er wirkt wie erstarrt. "Natalie..?" Mein Blick verfinstert sich blitzschnell. Wütend zische ich ihn an: "Nenne mich nie wieder bei meinem Namen! Ich kann das..." Moment mal... "Woher kennst du meinen richtigen Namen..?" Noch immer versteinert steht er langsam auf. Seine Augen werden feucht und er starrt mich nur weiter an. Noch mehr Tränen bilden sich und kullern ihm die Wangen herunter. "Was...", bevor ich den Satz beendet kann, eilt er zu mir, nimmt mich in den Arm und umklammert mich so fest, dass ich fast keine Luft mehr bekomme. Ich verstehe die Welt nicht mehr.. Kennt er mich..? Kenne... ich ihn..? Ich versuche mich zu erinnern.. doch da ist nichts.. "Was ist denn mit dir los..? Du machst mir irgendwie angst.." Er lässt mich los, geht einen Schritt zurück und mustert mich von oben bis unten. Noch immer kullern ihm die Tränen herunter. Mit dem Ärmel wischt er Einige davon weg bevor er das Wort ergreift: "Natalie.. Du weisst nicht mehr wer ich bin.. stimmts?" Ich senke den Blick auf den Boden. "Nein... tut mir leid.." "Das muss dir nicht leid tun.. Ich dachte nur.. ich hätte dich für immer verloren.." "Ich verstehe gerade die Welt nicht mehr.. woher kennst du mich..?" Meine Gedanken rasen und drehen sich im Kreis. Plötzlich dämmert es mir.. Mein Blick erstarrt, mein Körper versteinert, als mir plötzlich das Erlebnis durch den Kopf donnert..

Es ist ein paar Jahre her. Der Unfall.. Ich war damals noch sehr jung. Kevin.. Er war damals mein bester und einziger Freund. Wir waren zusammen auf einer alten Ruine im Wald. Wir tranken Alkohol.. viel Alkohol. Wir hatten Spass, haben gelacht, unsinn getrieben und einfach das Leben genossen. In dieser Nacht geschah es. Wir legten uns unter den Sternenhimmel. Er schlief im Rausch sehr schnell ein und ich träumte noch eine Weile vor mich hin, den Blick in den Sternen. Irgend etwas hörte ich im Wald rascheln. Ich dachte mir nichts dabei und habe weiter die Sterne beobachtet. Das Rascheln und Knacken wurde immer lauter, aus welchem Grund ich mich am Ende aufsetzte. Kevin schlief, ich wollte ihn nicht wecken wegen irgend einem Reh oder Fuchs.. Was auch immer es alles sein konnte. Neugierig wie ich bin, stand ich auf und sah nach. Ich spürte den Blick auf mir. Als ich mich dem Geräusch näherte, sah ich nurnoch ein mächtiges Gebiss, schneeweisse Zähne, welche auf mich zuschnellten. Der Schmerz durchzuckte meinen gesamten Körper und schnell wurde alles schwarz.. Als ich wieder erwachte, lag ich im Krankenhaus. Die Ärzte meinten, es sei ein wildes Tier gewesen. Die Wunde war infiziert und verheilte nicht. Von Tag zu tag ging es mir schlechter. Ich bekam Fieber und meine Organe versagten nach und nach. Irgendwann war es so schlimm, dass ich nichts mehr essen konnte. Mein Magen verkraftete nichts mehr und ich übergab mich immer sofort wenn ich etwas zu mir nahm. Kevin und meine Eltern waren die einzigen Menschen, welche mich besuchten. Welche an mich glaubten und sie waren die einzigen, welche sich um mich Sorgten. Irgendwann wurde es mir zu viel. Ich kannte damals so viele Menschen, hatte viel Vertrauen und mochte fast Jeden. Und nun? Ich werde sterben.. und es kümmerte nur Kevin und meine Eltern.. Ich war den Menschen in meinem Umfeld egal geworden. Ich wurde auf der Station komplett isoliert: Ansteckungsgefahr.. So verbrachte ich Wochen der Einsamkeit..
Niemand mochte mich wirklich..
Niemanden kümmerte es..
Niemandem war ich etwas Wert..
Und niemand würde mich vermissen...
Niemand.. ausser diesen drei Menschen.. Ich ertrug es nicht mehr.. Ich habe es nicht mehr ertragen, diese Menschen leiden zu sehen.. Ich wollte nicht dauernd daran erinnert werden, dass ich den Menschen in meinem Umfeld eigentlich egal war.. Ich habe mein Leben lang gekämpft.. Was hatte es mir gebracht..? Nichts.. Ich werde sterben.. und ausser Kevin, ist es jedem egal, der mir etwas Wert war.. Dies ist so und wird sich niemals ändern..Ich wollte weg.. ich wollte sterben.. Für mich hatte das Leben an Bedeutung verloren. Was ist ein Leben wert, in welchem man um alles kämpfen muss und dabei doch nichts erreicht? Was ist mein Leben wert? Für mich war es nichts mehr wert.. Ich beschloss aus dem Krankenhaus zu fliehen. Dies tat ich dann auch. Ich flüchtete in den Wald, um in Ruhe sterben zu können. Einsam.. was ich fast immer war.. Ich legte mich auf den feuchten Boden, blickte noch ein letztes Mal zu den Sternen und schloss dann die Augen. Mein Körper sackte in sich zusammen. Die Kraft verliess mich nach und nach. Mein Puls verlangsamte sich und versagte schliesslich...


Das alles ist Jahre her.. Das alles war der Grund, wie ich zu dem Monster geworden bin, das ich heute bin. Ich erinnere mich wieder.. "Ich.. erinnere.. mich.. wieder..", stottere ich vor mich hin. Nun kullern auch mir die Tränen herunter. Der Schmerz den ich in meinem Herz verspüre droht mich zu zerreissen.. "Wo warst du nur?! Warum bist du geflohen?! Wie kann es sein, dass du diesen Unfall doch noch überlebt hast?! Wo warst du nur all die Jahre..." "Ich weiss.. es nicht.. Kevin.. es tut mir so leid.. aber ich erinnere mich nicht an alles.. Ich weiss nur, dass ich endlich sterben wollte. Für mich hatte das Leben geendet und ich ertrug deinen Gesichtsausdruck nicht mehr, wenn du mich im Krankenhaus besuchen gekommen bist.." "Ich habe lange nach dir gesucht.. Doch es gab keinen Hinweis auf dich.. Die Polizei hörte irgendwann auf zu suchen.. und irgendwann gab ich dann auch auf.." "Ich.. erinnere mich nicht.. was geschah. Nur dass ich aus dem Krankenhaus in den Wald floh.. Mir wurde irgendwann schwarz vor Augen. Ich fand meinen Frieden. Was danach kam.. Ich weiss es nicht.. Nur die Zeit kurz bevor mich Tyra gefangen nahm.. Es ist alles so.. verschwommen.." Ich versuche mich zusammen zu reissen. Vielleicht kommt irgendwann die Erinnerung zurück.. War es Kevin, wesswegen ich weiter kämpfen sollte? Um was mich die Stimme gebeten hatte? Sollte ich weiterhin mein Vertrauen in Kevin setzen? Naja in wen sonst.. Ausser ihm gibt es keinen Menschen den es ersthaft interessiert, wie es mir geht oder was mit mir passiert.. Kevin wischt sich nochmal kurz mit dem Ärmel übers Gesicht um die letzten Tränen fort zu wischen. Er ballt die Fäuste und mit entschlossener Stimme sagt er schliesslich: "Lass uns das tun, was wir vor hatten! Wir suchen Chris und klären das Ganze auf! Und danach werden wir Tyra jagen! Nun bin ich noch entschlossener dir zu helfen!" Eine letzte Träne rinnt mir aus dem Augenwinkel. Ich lächle Kevin frech an: "Auf gehts!"