Fragen und Antworten (4)


Langsam öffne ich die Augen.. Irgendwas starrt mich an. Ich schrecke hoch als ich sehe, dass da vor mir eine Ratte sitzt. Die Ratte erschrickt ebenfalls ab meiner aprupten Bewegung und flitzt davon. Ich fühle mich etwas, als hätte mich eben ein Laster überrollt und stehe auf. Mein Kopf brummt noch, doch als ich sehe, dass die Matratze leer ist, entschwindet auch dieses Gefühl blitzschnell. Panisch drehe ich mich hin und her, doch im Raum ist sie auch nicht mehr. Oh Gott, ist sie raus zum fressen? Ich haste zur Tür, flitze durch den Flur und springe die Treppen hinauf. Oben angekommen, bemerke ich, dass die Sonne bereits weit oben steht. Ich bleibe unter der Tür stehen und möchte rufen.. Doch.. Nach wem soll ich rufen? Ich kann ja schlecht "Hey Werwolf" durch den Wald schreien. Da sehe ich plötzlich eine Bewegung hinter den Bäumen. Irgendwas kommt auf mich zu.. aber äusserst langsam. Ich kneife die Augen etwas zusammen, und sehe dadurch, dass es die Werwölfin ist. Sie scheint irgendwas hinter sich her zu ziehen. Ich gehe ihr entgegen, bloss keine schnellen Bewegungen, vermutlich ist sie wieder bei Kräften und könnte mich als flüchtende Beute ansehen. Als ich ihr näher komme, sehe ich, was sie hinter sich herzieht: Ein totes Reh. Na so hat sie immerhin etwas zu fressen und springt nicht gleich mir an die Kehle. "Na? Hunger bekommen?" "Du nicht?", antwortet sie mit rauer Stimme. Es haut mich fast aus den Socken als sie plötzlich spricht. Mit grossen Augen starre ich sie an: "Du.. sprichst?" "Natürlich du Held. Ich bin ein Werwolf und kein richtiges Tier. In mir steckt immer noch ein Mensch." "Und warum dann ein Reh?" "Was genau verstehst du an dem Wort 'wer-WOLF' nicht?" Erwidert sie und blickt mich etwas genervt an. Ich nicke und tu so, als ob ich es verstehen würde, um weitere dicke Luft zu vermeiden. Unerwartet bleibt sie vor der Hütte stehen, setzt sich auf den Waldboden und beginnt damit, mit ihren Krallen das Reh in Scheiben zu schneiden. Blut rinnt aus der offenen Wunde und tränkt den Waldboden. Ihr Fell ist immer noch sehr verfilzt und schmutzig. "Du solltest dir mal ein Bad gönnen", kommentiere ich meine Beobachtung und bereu es auch sofort als sie mich wieder finster anfunkelt. Ohne es eilig zu haben, zerkaut sie jeden Bissen von dem Reh ganz genüsslich, als ob sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas fressen würde. Nach einer Weile sind fast nurnoch die Knochen übrig. Und ich? Steh daneben und schau ihr wie hypnotisiert beim fressen zu. Meine Gedanken sind etwas wirr.. Warum ist sie no nett? Wo ist ihre Wildheit abgeblieben? Warum hat sie mich nicht getötet? Warum kann sie jetzt plötzlich sprechen? Woher hat sie diese Selbstheilungskräfte? Gibt es noch mehr Werwölfe in diesem Wald? So viele Fragen schiessen mir durch den Kopf. Ich zucke kurz vor Schreck zusammen, als sie plötzlich das Wort an mich richtet: "Frag doch einfach." "Wie? Was meinst du?" "Ach komm schon. Ich sehe es dir doch an, dass dir irgendwas im Kopf rumgeht. Und da du noch nicht voller Panik weggerannt bist, sondern mir hier stillschweigend beim Essen zusiehst, nehme ich an, deine Neugierde ist grösser als deine Angst." Wo sie recht hat.. Doch.. Mit welcher Frage fange ich an..? "Wie heisst du?" "Ich heisse Sabritt. Und du bist Kevin, nicht wahr?" "Richtig, woher weisst du das?" "Nur weil ich nicht sprechen konnte, heisst das nicht, dass ich taub bin." Irgendwie schafft sie es andauernd, dass ich mir ziemlich dämlich vorkomme. "Warum kannst du denn jetzt plötzlich sprechen?" "Weil ich nicht mehr im Keller dieser Hütte bin." "Wie meinst du das?" "Was glaubst du, wer mich dort unten eingesperrt hatte und warum ich da nicht raus kam? Ich wurde Jahrelang dort unten festgehalten. Gefoltert, gequält und sie hat an mir Experimente und Operationen durchgeführt." "Sie?" "Ja, 'Sie', die Hexe Tyra." "Und wo ist sie nun?" "Ich weiss es nicht. Sie war seit Monaten nicht mehr hier, und bevor sie ging, brachte sie mich zum Schweigen in dem sie die Hütte mit einem Spruch belegt hat, der mich auch darin gefangen hielt. Ich konnte so viel Jaulen und Knurren wie ich wollte, niemand hörte mich.. Bis ihr zwei gestern Abend die Tür eingebrochen habt." "Aus dem Grund hast du dauernd geknurrt?" "Ja. Es sind die einzigen Laute zu welchen ich Fähig war um euch her zu locken." "Aber wieso bist du nicht auf uns los gegangen? Du bist immerhin ein Werwolf!" "Ach? Und wie viele Werwölfe kennst du?" Darauf fällt mir nichts ein und ich senke den Blick gegen den Boden. Als ich sie ansehe, fällt mir plötzlich noch was ein: "Wie ist es Möglich, dass du dich selbst heilen kannst? Ich meine.." "Die Sache mit meinem Arm, oder?", beendet sie den Satz für mich. "Ja, richtig." "Das liegt an ihren Experimenten. Tyra ist eine junge Hexe und hat vieles an mir ausprobiert. Einige Sprüche haben geklappt, andere gingen schief. Mit einem Spruch wollte sie mich in die Luft sprengen - Gut ja, hat sie auch geschafft. Danach hat sie mich mit einem anderen Spruch wieder zusammengeflickt. Dieser hat jedoch Spuren bei mir hinterlassen. Ich kann das nicht steuern, es passiert einfach. Ich fall um, und wenn ich wieder erwache, sind meine Wunden geheilt." "Und.. Ich meine.. Wie kommt man auf so eine dämliche Idee, sich den Arm auszureissen, nur um dann jemand anderem das Handy damit aus der Hand zu schlagen? Hättest du das mit den Krallen nicht auch gekonnt?" Seh ich da etwa ein leichtes Grinsen in ihrem Gesicht? Die Frage amüsiert sie wohl.. "Gegenfrage: Was hättet ihr getan, wenn ich gleich mit meinen Klauen auf euch losgegangen wäre? Oder noch besser: Was wäre die Folge davon gewesen?" Ich rufe in meinem Gedächnis die Situation wieder hervor und fange an zu verstehen was sie meint. "Chris hätte den Angriff wohl nicht überlebt oder dich aus Angst gleich umgebracht. Hättest du uns mit den Krallen gedroht, würdest du jetzt nicht mehr leben." "Richtig. Oder du wärst aus Angst nicht mehr zurückgekommen." "Was kümmert dich das? Die Türen standen offen." "Ich bin keine Mörderin wenn es nicht unbedingt sein muss, das solltest du dir gut merken. Ausserdem.. Ich war Monate lang dort unten auf mich allein gestellt. Ausser Ratten gab es für mich nichts zu fressen. Ausser der Dunkelheit nichts zu sehen. Das dämliche Licht hat mich geblendet." "Apropo Licht.. Wo ist eigentlich mein Handy abgeblieben?" "Ach? Hat es dir dein Kumpel nicht gesagt?" "Welcher Kumpel?" Oh... "Du meinst Chris? Das ist nicht mein Kumpel. Aber was hat er mir nicht gesagt?" "Er kam noch einmal zurück.." "Wie bitte?" "Ja. Kurz bevor du gekommen bist war er auch nochmal da. Er hat mir gedroht, sah das Handy auf dem Boden, hat es eingepackt und ging wieder." "Gedroht? W as hat er denn gesagt?" "Er sagte, wenn er mich noch einmal sieht, und ich noch am Leben bin, werde ich dem Tode geweiht sein." "Was für ein Arschloch.." Was ist dem Kerl nur passiert, dass er so einen Hass auf sie hat? Sie hat ihm eigentlich gar nichts getan und trotzdem möchte er sie tod sehen? Das ergibt doch irgendwie keinen Sinn? "Was ähm.. Gedenkst du jetzt zu tun? Jetzt, da du endlich frei bist?" "Habe ich mir ehrlichgesagt noch gar nicht weiter überlegt.. Vielleicht nehme ich Rache an der Hexe, die mir das angetan hat." "Du meinst die Folter und das ganze Zeug?" "Richtig. Aber weisst du.. So blöd das jetzt auch klingen mag: Das schlimmste war die Einsamkeit." "Die Hexe war doch da.. und die Ratten?" "Sehr witzig.. Einsam bist du dann, wenn es keinen kümmert, ob du tod, oder noch am Leben bist." "Was ist mit deinen Freunden passiert?" "Ich hatte nie welche. Ich bin ein Werwolf. Normale Menschen rennen weg oder versuchen mich zu töten wenn sie mich in dieser Gestalt sehen." "Warte mal. Heisst das, du kannst auch als.. naja.. 'Mensch' rumlaufen?" "Könnte ich, ja." "Und warum sitzt du dann als Werwolf vor mir?" "Sofern du keine Frauenkleidung dabei hast, werde ich diese Gestalt bevorzugen, falls du nichts dagegen hast", antwortet sie mir mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Zuerst verstehe ich diese Anspielung nicht, doch dann wird es mir schlagartig klar. "Ist etwas nervig dauernd neue Kleider zu besorgen, weisst du?" "Kann ich mir vorstellen. Wenn du wirklich vor hast, diese Hexe zu finden und zu töten, würde es dir was ausmachen, wenn ich dir Helfe?" "Wieso solltest du das tun?" "Wieso sollte ich einen Werwolf befreien der mir dabei fast die Schulter zerreisst?" "Ach ja.. tut mir leid. Hoffe die Wunde ist nicht zu tief." "Nee alles in Ordnung." "Und? Warum hast du mich befreit?" "Weil auch ich kein Mörder bin. Im Endeffekt hast du uns ja eigentlich gar nichts getan. Als wir dich auf der Matratze fanden, hast du den Eindruck gemacht, als ob du Angst hättest." "Ich hatte und habe noch immer Angst. Aber es war die einzige Möglichkeit, damit ich da raus komme. Indem Jemand die Türen öffnet." "Wieso hast du denn immernoch angst?" "Weil ich nicht ganz so scharf darauf bin, deinem nicht Kumpel zu begegnen. Ich denke nicht dass.." "Redet ihr etwa über mich?" Zeitgleich zucken Sabritt und ich vor Schreck zusammen und drehen uns um. Chris hatte sich uns unbemerkt genähert und steht nun mit einem grossen Jagdmesser vor uns.