Einsamkeit (2)


"Sag mir, das ich Träume Chris! Da sitzt kein Werwolf auf der Matratze oder?" "Tut mir leid, aber ich glaube genau so ist es." Die Beiden starren mich an. Das Licht blendet meine Augen. Ich bin schon zu lange hier unten. Die Dunkelheit war immer mein Freund, da mich diese Viecher nicht kommen sahen dank meinem dunklen Fell. Ich versuche etwas zu sagen, damit der Grössere der Beiden endlich dieses Licht von mir wegdreht. Doch ausser einem Knurren vermag ich nichts brauchbares aus meiner Kehle hervorzubringen. Zur Not greife ich nach den Resten meiner letzten Mahlzeit und werfe sie nach dem Ursprung des Lichts. Leider sind meine Wurfkünste nicht die Besten und ich treffe den Grösseren damit am Kopf. "Aua! Hey was soll denn der Scheiss?" Wütend stampft er in meine Richtung. Mein Atem wird schneller, der Puls rast und meine Pfoten werden heiss. Ich habe Angst! Menschen verstehen uns nicht! Menschen sind immer so voller Zorn und verachten alles was nicht auch menschlich ist. Und derzeit bin ich alles andere als das. Ich packe meinen linken Arm und zieh daran. Natürich bin ich kräftiger als normale Menschen und damit gelingt mir meine Idee auch. Schmerz durchströmt meine Schulter. Es zerrt und reisst an meinen Nerven, aber ich gebe nicht nach und zieh weiter daran. Nach kurzer Zeit springt mein Oberarmknochen aus der Schulter und das weiche Fleisch gibt nach. Blut fliesst an meiner Flanke herab und verklebt mir mein Fell. Was mich jedoch nicht weiter stört. Hier unten gibt es nicht gerade fliessendes Wasser und so hat sich mein Fell über die Monate schon sehr verfilzt. Endlich reisst auch die letzte Sehne und damit ist ein lauter Knall durch den Raum zu hören. "Was tust du denn da!", schreit mich der Kleinere an. Fest umklammere ich meinen linken Arm der nun totem Fleisch gleich kommt. Ich springe auf und stürme auf den Grösseren zu. Mit meinem Arm als Waffe, schlage ich damit nach der Lichtquelle und treffe sie auch. Ein metallischer Klang hallt durch den Raum als es zu boden fällt. Endlich ist es wieder finster. Meine Augen erholen sich langsam, der Schmerz lässt nach und nach kurzer Zeit sehe ich wieder klar. Ich lasse meinen linken Arm fallen und zücke meine Krallen an der rechten Pfote. Ich drehe mich zu dem Kleineren um, vergrabe meine Krallen in seiner Schulter und reisse ihn zu boden. Abermals versuche ich mit Worten den Beiden klar zu machen, dass sie besser von hier verschwinden sollten. Doch meine Stimme vermag es nicht und somit knurre ich sie wieder nur an. Der Grössere stürzt sich von hinten auf mich und ringt mich zu boden. Es scheint als hätte ich doch nicht so viel Kraft wie damals..
Ja, damals, als ich noch als Mensch durch die Stadt wandeln konnte..
Damals, als ich mich nicht von beschissenen Ratten ernähren musste..
Damals, als ich Nachts die Dörfer und Städte unsicher gemacht habe, und alle sich vor mir fürchteten. Ich konnte essen worauf ich gerade Lust hatte. Das Leben war so viel einfacher. Bis zu diesem einen Abend, als ich zu unvorsichtig bei meiner Mahlzeit war und mich eine Hexe erwischte...
"Habe ich dich!", brüllt der Grössere mir ins Ohr. Die Menschen sind alle so furchtbar laut.. Er legt sein ganzes Gewicht auf meinen Rücken und hält meinen rechten Arm fest, so, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. "Kevin alles klar bei dir?" Der Kleinere scheint nach meinem Angriff schwer angeschlagen zu sein. Er sitzt auf dem kalten Boden und hält seine Schulter fest. Wieso verschwindet ihr nicht einfach? "Ja geht schon irgendwie" erwidert er dem Grossen. Langsam steht er auf und sein Oberkörper verschwindet aus meinem Sichtfeld. "Und was machen wir jetzt mit dem Ding?" Ding?! Ich bin doch kein Ding! Ich war und bin auch ein Mensch.. Nur halt nicht immer.. So langsam kommt das Gefühl der Furcht zurück.. Was werden sie mir antun? Werde ich wieder gefoltert? Werden sie auch an mir experimentieren? "Ich würde sagen, wir schnallen es mal auf dem Tisch dort fest", schlägt der Grössere vor. Bitte nein! Nicht schon wieder! Ich versuche mich zu befreien, doch die rattigen Mahlzeiten und der enge Raum hier unten, haben mich nicht gerade bei Kräften gehalten. Gemeinsam packen sie mich, schleifen mich auf dem Boden entlang bis vor den Tisch. Der harte Boden schabt an meinem verfilzten Fell und reisst mir ein paar Hautfetzen runter. Ich kann mein eigenes Blut riechen. Gemeinsam schaffen sie es sogar, mich auf den Tisch zu hieven. Naja, wenn ich mich so ansehe, habe ich wohl die letzten Monate, in welchen ich meine Zeit hier unten verbracht habe, doch ziemlich abgenommen. Der Grosse hält mich auf dem Tisch fest, während der Kleine, die Eisenketten anhebt und sie nach einander an meinen 3 Gliedmassen befestigt. Lasst mich frei! Ihr habt doch keinen Nutzen von mir! "So, und was nun?" Beide lassen von mir ab und sehen sich fragend an. Ich zerre an den Ketten, obwohl ich aus langer Erfahrung weiss, dass dies sowieso zwecklos ist. "Wir gehen. Es ist festgeschnallt und wird niemandem mehr etwas antun können. Lassen wir es einfach hier verrotten." "Aber.." "Was -aber-? Willst du etwa dafür verantwortlich sein, dass sowas frei herum läuft?" "Nein.. Aber.. Denk doch mal nach! Es ist bestimmt nicht erst seit heute hier unten. Es hätte doch mit Leichtigkeit fliehen können! Wieso ist es also immer noch hier unten?" Mit Leichtigkeit also.. Ja klar, weil ihr ja auch ein Bild anseht und dabei nur ein Bild seht.. "Ich weiss es nicht, und es ist mir ehrlichgesagt auch egal! Lass uns endlich von hier verschwinden. Sonst werden wir diesen Gestank hier nie wieder los.." Der Grössere dreht sich um und marschiert aus dem Raum. Der Kleinere sieht mich an. Unsere Blicke treffen sich kurz. Verzweifelt starre ich zurück. Ich möchte so nicht sterben.. Das habe ich doch nicht verdient.. Ich kann auch nichts für mein Schicksal.. Lasst mich frei! Bitte! Er sieht mich traurig an, schliesst die Augen, seufzt kurz und dreht sich um und folgt dem Anderen aus dem Raum. NEIN! Wie wild zerre ich an den Ketten. Mein Puls rast, mein Herz droht vor Angst zu zerreissen. Meine Augen werden feucht in anbetracht meines bevorstehenden Schicksals. Ein kurzer Jauler entflieht meiner Kehler und endet mit einem verzweifelten betteln.. Ich rieche sie nicht mehr! Sie sind.. weg...