Die Maske fällt (12)


Aus dem Augenwinkel nehme ich plötzlich eine Bewegung wahr. Eine Schnelle. Jemand rennt in grosser Eile über den Friedhof. Schnell wende ich mich von den Überresten des alten Mannes ab und erkenne die rennende Person sofort: Chris! Dieser Bastard! Ich jage über den Friedhof. Als er mich sieht, beschleunigt er seine Schritte und schreit mich an: "Sabritt hau ab! Lass mich in Ruhe und kehre zu deinem Rudel zurück! Verschwinde von hier!" Rudel? Was faselt der da? Doch eigentlich ist es mir relativ egal. Ich schöpfe Kraft aus meiner Wut und dem Verlangen um noch schneller zu werden und bald darauf habe ich ihn auch eingeholt. Ein letzter Sprung und er liegt flach auf dem Boden. Triumphierend drücke ich ihn mit nur einem Fuss auf seinem Brustkorb gegen den Boden und halte ihn dort fest. Mein Atem geht schnell, doch ich stehe aufrecht. "Ich habe dir doch gar nichts getan! Lass mich laufen!" "Dein Gewinsel und Gebettel wird dich nun auch nicht mehr retten! Du verachtest uns. Du hasst mich, obwohl ich dir von Anfang an, nichts getan hatte. Du bist so erbärmlich wie der Rest deiner Rasse! Doch dem werde ich nun endlich ein Ende setzen!" Langsam beuge ich mich zu ihm herunter. Ich schmecke bereits das Blut in meinem Mund und meine Klauen lechzen nach mehr Beute! Bevor ich jedoch mein Vorhaben in die Tat umsetzen kann, höre ich ein Schrei über den Friedhof hallen: "Sabritt! Waartee!" Kevin? Ich richte mich auf und drehe mich in die Richtung, aus welcher der Schrei kam. Kevin eilt über den Friedhof. Jemand folgt ihm.. kein Mensch.. ein.. Werwolf? Ich bin nicht alleine? Meinte Chris ihn damit? "Tu' das nicht! Du bist keine mörderin!" "Oh doch Kevin! Genau das bin ich!" Chris zappelt flehend und ängstlich unter meinem Fuss und versucht sich verzweifelt frei zu bekommen. Ich lege mein ganzes Gewicht auf ihn um ihn besser festnageln zu können. Du Ratte entkommst mir nicht! Kevin kommt einige Meter vor mir zum Stehen, sein Begleiter steht aufrecht hinter ihm. Er beobachtet das Treiben neugierig während Kevin verzweifelt weiter auf mich einredet: "Nein bist du nicht! Ich kenne dich nun schon so lange. Du warst immer ein so liebenswerter Mensch!" "Du hast nur meine Maske gesehen, welche ich all diese Jahre aufgesetzt hatte. Lügen die ich erzählte um nicht mein wahres Ich zeigen zu müssen!" "Das redest du dir doch nur ein! Du bist gutmütig und hilfsbereit. Das warst du schon immer! Die Menschen haben dir immer etwas bedeutet." "Nichts! Sie sind nichts wert! Sie verdienen es nicht, zu leben!" "Jedes Leben hat seinen Wert! Daran hast du immeer geglaubt und dieses Prinzip hast du auch stets verteidigt!" "Das stimmt.. Jedes Leben hat seinen Wert. Doch auch Nahrung hat seinen Wert, genau so wie Rache! Ihr habt gesehen, was ich wollte, dass ihr seht! Nichts weiter. Mein Herz hat geweint, doch niemand sah seine Tränen. Meine Seele schrie vor Verzweiflung! Doch niemand hat es gehört.. Mein Kopf spielt verrückt seit ich mich zurück erinnern kann. Das Blut war schon immer mein Element! Meine Lebenskraft! Was für Andere der Horror ist, liess mich lächeln, es erweckte die Gier und die Lust!" "Das bist doch gar nicht du... Sabritt.. wach auf!" "Ich bin wach Kevin, ich bin hell wach. Nun siehst du endlich das, was ich schon immer war! Das Monster welches in meinem Herzen und in meiner Seele wohnte, ist nun auch zu meinem Äusseren geworden. Ich bin ein Tier, ich war schon immer eines! Und ich habe es ehrlichgesagt einfach nur noch satt, mich zu verstecken, die Maske zu tragen und jedem etwas vor zu spielen! Die Maske wurde mit den Jahren immer schwerer.. ich habe die Kraft nicht mehr, sie aufrecht zu erhalten. Ich weiss dass ich Abschaum bin! Ich weiss dass ich auf ewig alleine sein werde und dass ich irgendwann jämmerlich in den Gassen zu Grunde gehen werde. Doch das bin nunmal ich!" "Ich habe dich damals als junges, hübsches Mädchen kennengelernt.. das Herz voller Vertrauen und voller Liebe.. Den Kopf mit so vielen Möglichkeiten welche dir noch offen standen. Du hattest alles.. was ist nur mit dir passiert?" "Was passiert ist?! Das Leben ist passiert! Ich habe gekämpft und bin immer wieder aufgestanden, nach jeder Niederlage stand ich wieder auf. Meine Knie sind blutig! Der Unfall und das Krankenhaus gaben mir den Rest! Ich wollte nicht mehr leben, ich wollte endlich das Zeitliche segnen und meine Ruhe finden. Ich wollte in die Dunkelheit zurück kehren. Doch nicht einmal dass wurde mir gewährt! Das scheiss Leben blieb in meinem Herzen und erfüllte meinen Körper. Was war die Folge davon? All die Jahre der Gefangenschaft, der Einsamkeit und des Leidens, dies war mein Lohn für die Kämpfe die ich bisher bestritten habe." "Es wird etwas gutes daraus werden, wenn du nur nicht aufgibst Sabritt! Glaube und Vertraue dem Schicksal!" Habe ich das nicht schon einmal gehört..? Kämpfe.. Vertraue.. Worte die mir immer wieder durch den Kopf jagen. Doch will ich das überhaupt noch? Vertrauen fällt mir sehr schwer nach diesen Zeiten.. Ich spüre plötzlich wie sich Chris weiter unter meinem Fuss windet. Mit voller Wucht knall ich ihn auf den Boden zurück, den Blick und die Worte auf Kevin gerichtet: "Der Mensch, den du kenneglernt hast, hat nie wirklich existiert. Doch die Kreatur, welche vor dir steht, die ist echt!" Damit reisse ich den Blick von ihm ab und nehme Chris mit einem lächeln ins Visier. Ich beuge mich nach unten, packe mit meiner Klaue seinen Hals, zieh ihn zu mir hinauf und öffne mein Maul. Von hinten höre ich Kevin noch kurz aufschreien: "Das bist nicht du Sabritt! Tu' das nicht!" Doch da ist es bereits zu spät. Ich zerfleische das Gesicht von Chris mit meinen Messerscharfen Zähnen. Sehnen reissen und Knochen splittern. Das Geräusch durchströmt den ganzen Friedhof und hallt laut in die Nacht hinein. Ich mochte diese Geräusche schon immer.. Ich habe es immer gerne gehört, wenn jemand aus Spass mit seinen Knochen knackte. Doch dann vernehme ich etwas Anderes.. Kevin.. wie er seinen Mageninhalt über dem Rasen entleert. Als ich mich blutverschmiert zu ihm umdrehe, tritt der andere Werwolf aus den Schatten. Ein breites Lächeln ziert sein dunkles Gesicht als er mich anspricht: "Du bist also Sabritt. Ich erkenne deinen Geruch aus der Hütte. Ich muss dich unbedingt den Anderen vorstellen. Du gehörst genau in unsere Reihen." Ich ekle ihn nicht an? Ich bin für ihn kein räudiges Tier das weggesperrt gehört? Es scheint ihn sogar zu faszinieren was ich hier gerade von mir preis gegeben habe.. Es gibt also doch noch Wesen wie mich? Die nicht nur ähnlich aussehen, sondern auch ähnlich Ticken wie ich? Sollte ich diesem Ruf des Schicksals folgen? Oder werde ich doch nur wieder enttäuscht und in den Dreck geworfen..?