Kreatur des Blutes (11)


Schnell jage ich durch die Gassen. Mein Herz klopft wie wild, doch ich rieche dass sie mich nicht verfolgen. Nur ein Wahnsinniger würde sich mir jetzt in den Weg stellen. Meine Gedanken spielen verrückt. Wut breitet sich in meinem Herzen aus. Wut auf die Menschen. Sie haben es nicht verdient zu leben. So wie sie mit anderen Lebewesen umgehen.. so wie sie mit ihresgleichen umgehen! Ausrotten sollte man sie.. In einem grossen Blutbad. Ich stelle mir vor, wie ich mich durch eine Masse von Menschen schlage. Bewaffnet nur mit meinen messerscharfen Klauen. Keiner vermag es mich zu verwunden, keiner hat auch nur eine Chance. Erst fällt Einer, dann der Zweite und es werden immer mehr und mehr. Ich metzel sie nieder und das herrlich warme Blut befleckt mein Fell. Ich schmecke es auf den Lippen und die Gier danach wächst. Der Blutrausch bricht herein! Es gibt doch wirklich nichts schöneres als Blut auf dieser Welt. Ich bin nun nicht mehr auf der Flucht.. ich bin nun auf der Jagd! Schnell drehe ich um und visiere mein neues Ziel an: Der Friedhof! Dort werde ich bestimmt ein paar Opfer ausfindig machen! Und wenn nicht, nehme ich die Fährte von Chris auf und werde ihm das geben, was er sich schon längst verdient hat! Ich brauche nicht lange dort hin, denn mein Körper kommt nach der langen Gefangenschaft endlich zu kräften. Auf dem Friedhof angelangt, wandere ich leise wie ein Schatten durch das Gras und beobachte meine Umgebung ganz genau. Irgendwo kniet oder steht bestimmt jemand bei einem Grabstein. Mein Blick schweift über die verschiedenen Grabsteine und da bemerke ich.. Moment.. zurück! Ich sehe dort zwei sehr ähnliche Grabsteine. Beide sind sie 3 Jahre alt. Kurz reibe ich mir die Augen um sicher zu gehen, dass ich mich nicht gerade verlesen habe. Thorsten und Erika Schmid.. gestorben am 26. April vor 3 Jahren.. Tränen schiessen mir augenblicklich in die Augen. Meine Wut und meine Gier sind beide wie weggeblasen. Sie sind tod.. meine Eltern sind beide vor 3 Jahren gestorben.. und ich war nicht da.. ich war.. nicht.. Ein leises Schluchzen.. weitere Tränen welche mir über die Wangen kullern.. Meine Kraft entschwindet und ich bemerke wie ich Schrumpfe.. Nach kurzer Zeit bin ich wieder ein Mensch. Nackt stehe ich auf dem Friedhof, bei den Grabsteinen meinen Eltern und weine mir die Seele aus dem Leib. Ich habe euch geliebt und nun seid ihr einfach nicht mehr. Nun habe ich keinen Halt mehr.. keine Orientierung und auch.. jetzt ist alles verloren.. Ausser Kevin bleibt mir nun gar niemand mehr.. Sollte ich sterben, wird es nun tatsächlich ausser Kevin, niemanden interessieren. Meine Kraft ist nun komplett weg und ich bemerke wie meine Beine den Halt verlieren und mein Körper zusammenfällt wie ein Sack Kartoffeln. Welch ironie.. ein kleiner Lichtkegel blendet mich von der Seite, als sich ein älterer Herr nähert und mich anspricht: "Ja die Familie Schmid.. tragisch was da passiert ist.." Mit knallroten Augen blicke ich zu ihm hoch und frage direkt nach: "Wie meinen sie das? Was ist denn passiert?" "Du weisst das nicht? Ihre Tochter verschwand vor ein paar Jahren plötzlich aus dem Krankenhaus. Sie haben alles in ihrer Macht stehende getan um sie wieder zu finden. Solange auch keine Leiche gefunden wird, wollten sie nicht aufgeben, sagten sie mir. Nach ein paar Monaten gab die Polizei jedoch die Suche auf. Die Beiden nicht. Dauernd waren sie unterwegs, suchten immer und immer wieder alles ab. Als sie eines Abends die halbe Nacht wieder durchgesucht haben, sind sie dann zu schnell in ihren Betten eingeschlafen. Eine Kerze fiel um, vermutlich durch einen Windstoss aus dem offenen Fenster oder durch die Katze, man weiss es nicht. Das Haus brannte nieder. Die Beiden hatten immer so wenig geschlafen, dass sie nicht aufgewacht sind durch die Hitze. Und damit sind sie dann nie wieder aufgewacht.. Tut mir leid um die Beiden.. Das war wirklich eine tolle Familie. Und ihre Tochter.. naja. Sie war schon irgendwie seltsam." Noch mehr Tränen tränken nun die Erde. Ich bin schuld? Ich habe den Tod meiner Eltern zu verantworten.. Ich wende den Blick zurück auf den Grabstein. "Was meinen sie mit.. seltsam?" "Ich weiss auch nicht so recht. Sie war als Kind schon immer etwas anderst. Sie wär ein hübsches Mädchen. Und irgendwie doch kein Mädchen. Sie hat sich nie für irgendwelchen Frauenkram interessiert. Ausserdem hatte sie immer dieses Leuchten in den Augen wenn sie einen anlächelte. So eines wie.." ".. ein Wolf bei der Beutejagd hat." "Ja ganz genau! Sie wirkte immer auf mich, als sei sie kein Mensch. Oder als verachte sie alle Menschen. Ich glaube sie hatte damals nur eines im Kopf.." "..Blut!" "Ja! Hey Moment mal. Kanntest du Natalie etwa?" "Nennen.. sie.. mich.. nie.. wieder.. so...!" Meine Wut kehrt zurück. das Adrenalin pocht durch meine Adern und erfüllt mich mit Energie. Mein Blick verfinstert sich. Die Haare spriessen wieder aus jeder Pore und mein Körper wächst. Der Mann blickt mich mit grosser Angst an. Seine Taschenlampe fällt ihm aus der Hand. Bewegungsunfähig vermag er es nur, mich an zu starren. Gelähmt. Zitternd. Das ist es, was meine Gier nährt. Das ist es, was ich an meinem neuen Leben so liebe. Die Angst der Menschen. Die macht über ihr Leben. Ihr könnt mich grössenwahnsinnig nennen. Aber ich bin nunmal jetzt ein Monster. Ich war schon immer eines, das weiss ich ganz genau. Wenn manche Menschen wüssten, was mir so durch den Kopf geht, würden sie nie wieder ein Wort mit mir sprechen. Daher hielt ich es auch immer geheim. Ich wurde mit den Jahren zu einer tollen Schauspielerin, niemand hat es bemerkt. Niemand hatte auch nur eine Ahnung. Kevin wusste es.. Aber selbst er hatte manchmal probleme damit. Ich wusste, ich würde niemals jemanden finden, einen Mann, der zu mir passen würde. Daher hielt ich die Menschen gleich alle auf Abstand. Und jetzt, wo ich nicht nur innerlich, sondern auch äusserlich zu einer Kreatur der Nacht und des Blutes geworden bin, fühle ich mich endlich wohl in meiner Haut.. ähm... Fell. Der Mann macht einen Schritt nach hinten, doch er kommt nicht weit, als ich zum Sprung ansetze und ihn mit meinem Körpergewicht zu boden donnere. Ein kleiner Imbiss um wieder zu kräften zu kommen.